Kurzkrimi

 

Es war kurz nach zwölf Uhr mittags, als der Anruf bei Inspektor Evans einging.
„James?“, kam es aus der festinstallierten Telefonanlage des Autos, „ Könnten sie uns vielleicht bei einem Fall behilflich sein? Es handelt sich vermutlich um einen Mordfall-“ auf den Rest der Nachricht wartete Evans gar nicht. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und wendete dann mitten auf der leeren Landstraße. Einen Mordfall hatte es schon lange nicht mehr gegeben, da musste der mindere Sachschaden wohl oder übel warten. Er drückte das Gaspedal durch und antwortete dem Anrufer: „Wo muss ich hin?“
 
 
 
Das Anwesen war von beachtlicher Größe: Ein großes, palastähnliches Herrenhaus mit schmuckem Park und langer Auffahrt. Ein Brunnen, auf Millimeter genau geschnittene Hecken.
Eigentlich kein Ort für einen Mord, eine Hochzeit hätte sich Evans bei dieser Kulisse wohl eher vorstellen können. Doch anstatt einer Frau im weißen Kleid mit Blumenstrauß erwartet ihn im Esszimmer lediglich der gelbe Umriss, an dem Ort wo die Leiche gefunden worden war.
Archer Brown, ein alter Freund und auch der Polizist, der ihn angerufen hatte, erklärte Evans die bis jetzt feststehenden Fakten: „Der Tote hieß Robert Jackson. Ein alleinstehender älterer Herr ohne Verwandtschaft. Er hat schon seit Jahren keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt, die einzigen, die regelmäßig zu ihm Kontakt hatten waren sein Gärtner, der Butler und seine Köchin. Die waren übrigens alle nicht besonders mitgenommen von seinem Tod, und sie warten jetzt im Saal. Mein Kollege befragt sie gerade.“
Evans nickte: „Hat die Gerichtsmedizin schon etwas herausgefunden?“
„Er wurde vergiftet. Und daran ist er um etwa zehn Uhr dreißig verstorben. Es war ein schnellwirkendes Gift, das nur etwa eine Viertelstunde braucht, um zu töten.“
„Und haben sie schon einen Verdacht?“, folgerte Evans. Er kannte Archer inzwischen gut genug, um sein Handeln vorauszuahnen, „Ja. Wir wissen noch nicht alles, aber unsere drei Verdächtigen sind allesamt ziemlich redselig. Ich denke, der Gärtner hat sich ein wenig verplappert. Er hat zurzeit große Geldprobleme, und er hat kein festes Alibi. Allerdings ist das des Butlers auch nicht zu beweisen, aber er hat die Leiche gefunden und auch bei uns angerufen. Und die Köchin war zum Zeitpunkt des Todes einkaufen, für sie werden sich bestimmt Zeugen finden lassen. Sie kam erst um etwa elf zurück.“
„Meinen sie wirklich? Der Gärtner?“, Evans zog skeptisch die Augenbrauen zusammen: „Das wäre ein wenig zu offensichtlich, oder nicht? Bevor sie zu einem endgültigen Urteil kommen, sollten sie mit allen gesprochen haben.“
 
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein weiterer Polizist, groß und breitschultrig, betrat den Raum. Er räusperte sich und begann dann mit tiefer Stimme zu sprechen: „Mr. Brown? Wir haben die Aussagen aufgenommen. Ich soll fragen, ob die Verdächtigen nun gehen dürfen.“
„Haben sie denn etwas herausgefunden, dass sie entlastet?“, wollte Archer wissen. Der Polizist zögerte kurz, warf einen Blick in seine Unterlagen und meinte dann: „Nun, in der Tat. Laut Aussage der Köchin war Mr. Jackson ein sehr unbeliebter Mann, äußerst launisch. Er hätte sich immer sehr aufgeregt, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Er hatte einen sehr seltsamen Geschmack, und sie musste bei der Zubereitung der Speisen immer auf unzählige Kleinigkeiten achten.“
Archer unterbrach ihn: „Das würde heißen, das sie ihn ohne Probleme vergiften könnte, da sie seine Essgewohnheiten genau kannte. Fahren sie bitte fort.“
Der Polizist nickte: „Ja, das wäre möglich. Auch der Butler, der sich zu dem Zeitpunkt im Haus aufhielt, sagte mir dass der Hausbesitzer ein sehr unangenehmer Zeitgenosse war. Die beiden hätten sich oft über seine Bezahlung und etliche andere Sachen gestritten. Er meinte außerdem, dass er sofort bei uns im Büro angerufen habe, nachdem er den Mord bemerkt hatte. Das stimmt auch, sein Anruf kam gegen viertel vor Elf. Nun, und der Gärtner hat zurzeit einen großen finanziellen Engpass. Auch er sagte, dass der Hausbesitzer ein sehr unangenehmer Zeitgenosse war. Zum Todeszeitpunkt war er nach einigen Angaben im Garten, da Mr. Jackson mit dem Aussehen der Rasenfläche nicht einverstanden war. Außerdem hatte er fest vor, zu kündigen, und hat mit Mr. Jackson kurz vor seinem Tod noch darüber gesprochen, der Butler hatte ihn um zehn Uhr wütend aus dem Saal kommen sehen, als er dem Hausherrn seinen täglichen Tee bringen wollte. Offenbar war er ein Mann mit festen Gewohnheiten“, endete er.
Archer schüttelte den Kopf. Es war ihm anzusehen, dass er enttäuscht war: „Gut, lassen sie sie gehen.“, seufzte er, „Ich glaube nicht, dass einer von ihnen fähig gewesen wäre, diese Tat zu begehen. Wir sollten unsere Suche nach weiteren Verdächtigen ausbreiten.“
 
Evans hob die Hand und wandte sich seinem Freund zu. Inzwischen war er sich ziemlich sicher:„Also, ich sehe das anders. An ihrer Stelle, Archer, würde ich einen der drei definitiv nicht gehen lassen.“
Wen?










 
Lösung:                                                                                                     
Der Mörder ist nicht die Köchin, da diese ein festes Alibi hat. Auch der Gärtner kann nicht der Mörder sein, er hatte zwar ein mögliches Motiv, aber keine Möglichkeit, Mr. Jackson zu vergiften, da er bereits 30 Minuten vor dem Todeszeitpunkt gegangen ist und das Gift in 15 Minuten wirkt.
Folglich kann es nur der Butler gewesen sei, da dieser den Tee brachte und vergiftete. Er hatte auch kein Alibi, und der Streit, den er regelmäßig mit Mr. Jackson hatte, war vermutlich sein Tatmotiv.